Dienstag, April 25, 2006

Mit dem Piepsen im Ohr

TAG DES LÄRMS / Reinhard Sorg und Norbert Eisen über die Gefahren sehr lauter Töne für das Gehör

Haarsinneszellen knicken bei zu hohem Schalldruck ab - Tinnitus droht

THUMILAN SELVAKUMARAN

Hörschäden - oft sind laute Geräusche die Ursache. Ein Piepsen im Ohr kann die letzte Warnung vor einem Tinnitus sein. Wir leben in einer "Lärmgesellschaft". Und heute, am internationalen Tag des Lärms, sollen die fatalen gesundheitlichen Folgen von zu lauten Geräuschen und Musik ins Bewusstsein gerückt werden.


Ein lauter Schrei ist für die empfindlichen Haarsinneszellen im Ohr genauso gefährlich wie zu laute Musik oder Lärm in Fabriken. Marita Pusch (13) aus Hall ist in dieser Hinsicht vorbildlich: "Musik höre ich lieber leise."
FOTO: THUMI

SCHWÄBISCH HALL "Durch richtigen Umgang mit Lärm lassen sich gesundheitliche Schäden vermeiden", sagt Reinhard Sorg. Rock-Konzerte oder Disko-Besuche seien nicht zwingend schädlich. "Nach drei Stunden Musikkonsum bei 80 Dezibel sollte jeder eine Pause einlegen. Idealerweise acht Stunden", sagt der Hörgerätespezialist. Sorg weiß, dass es meist nicht bei den drei Stunden bleibt.

Dazu käme der falsche Umgang mit Walkmans und MP3-Playern. "Die werden einfach eingestöpselt und auf volle Lautstärke gedreht. Die Folgen für das Gehör sind gravierend", sagt Norbert Eisen. Unverständlich sei für ihn, dass manche die serienmäßigen Ohrhörer gegen extrem leistungsfähige Kopfhörer austauschen. "Die bringen dann nochmal 10 bis 20 Dezibel mehr." Damit bewege man sich bei über 100 Dezibel - also die Lautstärke eines Presslufthammers.

"Das Problem daran ist, dass wir Musik, auch wenn sie laut ist, meist als angenehm empfinden", sagt Sorg. Eisen weiß, dass die Beeinträchtigungen mehr durch die hohen Töne entstehen. "Der tiefere Bereich im Gehör wird nicht spontan geschädigt."

Es ist aber nicht nur Musik. Überall lauern schädliche Lärmquellen. Dazu gehören Verkehr, Baustellen, Freizeitlärm und Lärm im Beruf. "In Fabriken, oder dort, wo es laut zugeht, sind Ohrstöpsel vorgeschrieben", sagt Eisen. "Meist wird aber am Eingangsbereich zur Firma ein Automat aufgestellt und nicht weiter kontrolliert, ob die Mitarbeiter den Schutz tragen".

Die Gehörspezialisten Eisen und Sorg haben tagtäglich mit Betroffenen zu tun: 20 Prozent der Menschen in allen Altersgruppen haben Hörschäden. Diese zeigen sich durch deutliche Messergebnissoder Kommunikationsprobleme der Geschädigten. Vor 20 Jahren seien es etwa fünf Prozent weniger gewesen, sagt Sorg.

Was bei zu starkem Lärm im Ohr passiert, ist schnell erklärt: Wenn der Druck durch Schallwellen zu hoch wird, knicken die feinen Haarsinneszellen ab. Diese können sich nicht regenerieren. Folge: Die Hörleistung des Ohres nimmt ab - und kann nicht wieder aufgebaut werden. Spürbar ist es nicht auf Anhieb. "Ein deutliches Zeichen dafür, dass die Haarsinneszellen gelitten haben, ist ein Piepsen im Ohr, etwa nach der Disko", erklärt Sorg.

Folgen sind Gehörsturz oder, bei dauerhaftem Piepsen im Ohr, der Tinnitus. "Für die Betroffenen kann das sehr unangenehm werden", sagt Norbert Eisen. "Zwar geht das Piepsen im Alltagslärm unter, beim Einschlafen, wenn es ringsrum leise ist, kann es aber sehr nerven." Psychische Beschwerden bleiben nicht aus. "Man kommt ja nicht mehr zur Ruhe, wenn man ständig ein Geräusch im Ohr hat."

So weit muss es aber nicht kommen. "Wichtig ist, die Ruhezeiten nach lauten Konzerten, MP3-Hören und Diskobesuchen einzuhalten. Im Auto sollte man auch nicht zu laut hören", sagt Sorg. Das beste Mittel seien Ohrstöpsel. Auf Konzerten oder an anderen lauten Orten sollte keiner darauf verzichten.

quelle - Hallertagblatt - 25.4.2006