Mittwoch, Mai 17, 2006

Hässliche Schatten hinter der hübschen Fassade

RAUSCHGIFT / Der Haller Gymnasiast Walter Janus (Name geändert) spritzt sich den Ersatzstoff Subutex, um seine Heroinsucht zu befriedigen

Karl Schöller: Hall noch keine Drogenhochburg - Seelsorgeeinrichtung "Point" verteilte allein im April 880 Spritzen

THUMILAN SELVAKUMARAN


Einbrüche und Diebstähle, manchmal sogar der Strich: Heroinabhängige schrecken vor kaum etwas zurück, um an ihre Droge zu kommen.
FOTOS: GARBE / THUMI


Walter Janus (Name von der Redaktion geändert) nimmt auf dem gelben Sessel Platz. Er sitzt im Point - eine Aids- und Drogenseelsorgeeinrichtung in Hall. Der Schüler schlürft gelassen an seinem Espresso. Hinter ihm hängt ein Zeitungsauschnitt an der Wand: "Es gibt Kinder, die kommen ohne Schutzengel auf die Welt." Auch Walter? Seine Erscheinung lässt auf nichts Ungewöhnliches schließen: gepflegtes Äußeres und feinsäuberlich gebügelte Hose und Hemd. Er ist in der Oberstufe eines Haller Gymnasiums und führt auf den ersten Blick ein normales Leben. Tatsächlich ist alles nur eine Fassade, die jeden Moment zusammenbrechen kann.

"Subutex hat eigentlich keine berauschende Wirkung", sagt er. Es beseitige, wie auch Methadon, die Entzugserscheinungen bei Heroinabhängigkeit. Das Mittel wird in Tablettenform eingenommen. Walter Janus spritzt es sich. "So wirkt es besser."

Der Gymnasiast ist vor drei Jahren dem Heroin verfallen: Die wohl berüchtigste aller Drogen, die schnell süchtig macht. Sie wird mit der Spritze injiziert. "Natürlich kotzt mich das an". Ob eine andere Lebensweise ihn davor bewahrt hätte? "Ich glaube nicht", sagt er.

Walter kiffte sehr viel und nahm später aufputschende Mittel wie Speed (Amphetamine). Das familiäre Umfeld spielte eine große Rolle. "Ich entstand aus einem One-Night-Stand". Den Vater hat er vier Mal gesehen. Zu seiner Mutter durfte er nur an Wochenenden. Die restliche Zeit lebte er im Heim.

Ausgerechnet bei der "Entgiftung" lernte der Gymnasiast Junkies kennen. Schicksal? Das Ritual mit dem Aufkochen und Spritzen habe ihn schon viel länger fasziniert. "Es war mir klar, dass ich es später bereuen werde. Die Begeisterung war aber zu groß."

Der Körper will mehr

Das Gefährliche an der Droge seien die Gefühle während des Rausches. Davon bekäme man nicht genug. "Das ist mit nichts anderem vergleichbar. Jeder Schmerz wird in das Gegenteil verwandelt." So ein Trip dauert bei Anfängern etwa eine Stunde. Mit häufigerem Konsum verkürze sich der Rausch. Der Körper will aber mehr. "Dann kommt die Beschaffungskriminalität". Walter packt seine Zigarettenbox. Der Espresso ist leer. Die Finger zittern und er stottert, als er sagt: "Gehen wir zu mir. Die machen gleich zu."

Es ist Freitag, 18 Uhr. Die restlichen Besucher des Points sind schon gegangen. Wolfram Kaier, Aids- und Drogenseelsorger der katholischen Kirche, der die Einrichtung leitet, spült die letzten Kaffeetassen. Ohne sein Engagement würde der Laden nicht laufen.

"Heroinsüchtige verwenden oft eine Spritze über 20 Mal", sagt er. "Manchmal tauschen die Konsumenten diese eine Spritze dann auch noch untereinander." Die Gefahr der Infektion, gerade durch Hepatitis oder AIDS, sei groß. Im Point können die Junkies ihre gebrauchten Spritzen kostenlos gegen neue tauschen. Viele hätten aber Angst zu kommen. "Die trauen uns nicht ganz." Trotzdem: Allein im April gingen laut Protokoll 880 Spritzen raus. Am Anfang, vor knapp drei Jahren, waren es zwei in drei Monaten.

"Die Heroinsüchtigen konsumieren auch dann, wenn wir ihnen keine Spritzen geben. Sie wären aber nicht vor Infektionskrankheiten geschützt. Außerdem: Ein AIDS-Kranker kostet den Staat mehrere tausend Euro pro Monat." Die Kosten für die Spritzen im Point liegen bei rund 200 Euro. "Wenn es mehr werden, weiß ich nicht, wie das finanziert werden soll. Bisher zahlt nur die Kirche", sagt Kaier.

Auch Walter Janus versorgt sich im Point regelmäßig mit Spritzen. Dazu bekommt er Alkoholtupfer zum Desinfizieren und Ascorbinsäure, um das Heroin im Wasser aufzulösen. Im letzten Jahr hat er das nicht gebraucht. "Subutex und Heroin vertragen sich nicht. Außerdem wäre für mich die Gefahr zu groß, ganz abzustürzen."

Der Schüler weiß, dass er sich auf einer schmalen Schwelle am Abgrund bewegt. Die Fassade hält nur dann, wenn Heroin tabu bleibt. Seinen Tag hat er komplett verplant. "Ich komme abends gegen 19 Uhr nach Hause." Dazwischen trifft er sich mit Freunden, hört Musik von Rock bis Klassik und liest viel - am liebsten taz und Focus. Walter schreibt auch gerne. "So komme ich nicht auf dumme Gedanken", sagt er.

Walter ist bei sich zu Hause. Ein etwa zwölf Quadratmeter kleines Zimmer. Eine hohe Schicht aus Kleidern und Büchern verdeckt den Fußboden. An der Wand, über dem schmalen Bett, hängt eine Ausgabe der Berliner Tageszeitung. Kein Fernseher. Nur der Rechner thront auf dem Fensterbrett: Der erste Blick auf das wahre Elend um ihn.

"Das kann man gut mit Hall vergleichen", sagt Walter. "Hinter der schönen Fassade zwischen Michaelskirche, Johannitervorstadt und Kunsthalle steckt eben auch sehr viel Dreck." Der Haller Normalbürger, so sagt er, würde tagtäglich an vielen Drogensüchtigen vorbeilaufen, ohne es zu ahnen.

Jeder Zehnte daran beteiligt

Karl Schöller von der Haller Polizei kann das bestätigen. "In Hall gibt es mehr als 1000 Drogenkonsumenten im Alter bis 27 Jahre." Den größten Teil würden die Kiffer ausmachen. "Mindestens 50 Prozent." Die Dunkelziffer kenne keiner. "Im Landkreis sind es mehr als zehn Prozent, die Drogen nehmen oder Erfahrung damit gemacht haben." Eine Drogenhochburg könne man das trotzdem nicht nennen. Wolfram Kaier teilt die Meinung: "Drogen gibt es überall - auch in Hall. Wir brauchen uns da nichts vormachen."

Schöller wollte es genau wissen und hat vor zwei Jahren an Schulen im Landkreis anonyme Umfragen durchgeführt. 450 Schüler aus den 8. und 9. Klassen haben teilgenommen. "Erschreckend war, dass bereits 14 Prozent der Befragten Cannabis geraucht und ein Prozent Extasy-Tabletten geschluckt haben." Die Schüler stammen aus Stadtgebieten wie Hall und aus ländlicheren Orten wie Gerabronn.

Die Statistik der Betäubungsmittelkriminalität hat weitere Zahlen: Im Landkreis sind die Straftaten von 522 (Jahr 2004) auf 629 (2005) gestiegen. Das sind 20,5 Prozent. In Hall direkt gab es einen Rückgang von 14 Prozent auf 218 Straftaten.

Walter Janus taucht in keiner dieser Statistiken auf. "Früher, als ich Heroin nahm, hatte ich Glück und die Polizisten haben mich nie erwischt." Subutex ist für ihn legal. Er bekommt es von seinem Arzt verschrieben. Das Mittel hat er stets bei sich. Lehrer und Klassenkameraden haben davon keinen Schimmer. "Eher vergesse ich meine Schulsachen." Mehr als zehn Mal am Tag setzt er sich einen Druck.

Während des Interviews räumt Walter seinen Tisch frei. Dann kommt die für ihn alltägliche Prozedur. Er säubert einen Teelöffel. Dann spritzt er Wasser aus einem Fläschen darauf. Er zerbröckelt eine Tablette und vermischt es mit dem Wasser auf dem Löffel. Diesen hält er über eine Kerze. "So, jetzt hab ich noch Zeit, um eine Zigarette zu drehen." Etwa eine Minuten später: Er nimmt einen Gürtel und bindet sich den Oberarm ab. Die Spritze setzt er sich in seinen Unterarm, der von vielen Einstichsnarben und schwarzen Flecken gezeichnet ist. "Da sind die Venen besser. . ."

Walter Janus lehnt sich gelassen zurück. Sein heroinabhängiger Körper, der sehnsüchtig nach seiner Droge gefordert hat, ist nun befriedigt. "Ich hatte nie Angst vorm Spritzen. Nur wenn mir jemand anders die Nadel reingedrückt hat. Beim Arzt musste ich immer schreien."

In seinem Subutex-Rausch beginnt für Walter die Zeit des Träumens. "Am liebsten wäre ich Professor an einer Universität." Geisteswissenschaft habe ihn schon immer fasziniert. Einblicke hatte er, als er ein halbes Jahr Gaststudent an der Uni Tübingen war. Pfarrer wollte er nie werden. "Gelegentlich gehe ich in die Kirche", sagt er. Aber nur, um etwas von der Wirkung und Rhetorik des Pfarrers zu lernen. "Manchmal bete ich sogar", gibt der Schüler zu.

Zu seinen Träumen gehört auch eine Familie. "Ich habe die Wärme und Geborgenheit in meiner Kindheit nie spüren dürfen. Eine Frau und zwei Kinder, das wäre schon was." Walter weiß, dass es bis dahin ein weiter Weg ist und er noch viel an sich arbeiten muss. Er weiß auch, dass er jeder Zeit rückfällig werden kann und damit alle Träume in eine unerreichbare Ferne rücken.

Walter Janus gehört zu den Wenigen, die ihre tödliche Macke rechtzeitig erkannt haben. Die Betreuung durch einen Substitutionsarzt und die der Seelsorge von Wolfram Kaier haben ihm bislang Halt gegeben. "Viele werden nicht mal mehr bei der Drogentherapie angenommen", sagt Kaier. Für diese bliebe der Knast als letzter Ausweg. "Aber auch dort sind Drogen ein großes Problem". Die Insassen hätten ihre Taktiken, um Rauschgift illegal einzuschleusen. Auch in Hall.

Suchtgesellschaft?

"Um den Suchtkranken besser zu helfen, wäre eine engere Kommunikation zwischen uns und den Drogenberatungsstellen zwingend notwendig", sagt Wolfram Kaier. Alle Werbeversuche seien gescheitert. "Ich bin aber froh, dass wir eng mit der Initiative Raphael arbeiten". Sie wurde von einer Mutter gegründet, deren Sohn an einer Überdosis gestorben ist.

Die Lage habe sich in den letzten Jahren verschlimmert, sagt der Drogenseelsorger. "Die Konsumenten werden immer jünger. Wir leben nun mal in einer Suchtgesellschaft." Am schlimmsten seien Alkohol und Zigaretten - die am weitesten verbreiteten Drogen. "Wenn elfjährige Mädchen mit Alkoholvergiftungen auf der Intensivstation landen, dann läuft hier was falsch."

Bei Walter Janus ist auch vieles falsch gelaufen. Das weiß er. Um gegen die Entzugserscheinungen anzukämpfen, wird er sich weiter Subutex spritzen. Es ist keine dauerhafte Lösung. "Für den Augenblick hilft es mir aber", sagt er und bereitet einen neuen Schuss vor. . .

Thumilan Selvakumaran
Quelle - Hallertagblatt:Montag 15.05.2006