Sonntag, Juni 08, 2014

Buch-Neuerscheinung: "Geheimsache NSU" mit Beitrag von HT-Redakteur

Schwäbisch Hall

Derzeit wird Beate Zschäpe in München der Prozess gemacht. Zehn Autoren stellen jetzt auf 315 Seiten die Fragen, ob noch Mörder frei herumlaufen und warum die NSU-Terrorserie so zögerlich aufgeklärt wird.

TOBIAS WÜRTH |

HT-Redakteur Thumilan Selvakumaran mit dem neuen Buch. Foto: Ufuk Arslan

Bei einem Mord sitzt ein Beamter des Verfassungsschutzes im Nebenraum, bei anderen Schüssen könnten FBI-Agenten am Tatort vorbeigegangen sein, Phantombilder werden nicht veröffentlicht, Akten geschreddert, Spuren wird nicht nachgegangen, Tatorte schlampig abgesucht. Zwei Zeugen, die mehr wissen könnten, sterben unter nicht vollständig geklärten Umständen. Streckenweise liest sich "Geheimsache NSU - Zehn Morde, von Aufklärung keine Spur" wie ein Krimi. Es handelt sich allerdings nicht um Hirngespinste, sondern um das Ergebnis einer dreijährigen Recherchearbeit. Alle Fakten werden in dem Buch mit Quellen benannt, Spekulationen als solche gekennzeichnet.

Druck zu groß für belastbare Anklage
Die Staatsanwaltschaft legt dem Trio des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) zehn Morde zur Last. In einem Jahr könnte Beate Zschäpe und vier weitere Angeklagten in München verurteilt werden. Die potenziellen Täter erwartet eine Strafe, die Akten wandern in den Schrank. Investigativ-Journalisten wollen das nicht akzeptieren. Sie befragten Zeugen, werteten Geheimdienstberichte aus, stützten sich auf die Recherchen der Opferanwälte. Sie stießen auf Ungereimtheiten in den Anklageschriften, die aus ihrer Sicht wichtige Fragen ausklammern und das Täterfeld ganz bewusst beschränken. Herausgeber Andreas Fürster schreibt: "Zu groß war offensichtlich der Druck, in möglichst kurzer Zeit eine einigermaßen belastbare Anklage für einen Prozess zu zimmern, die eine Mitverantwortung staatlicher Behörden für die NSU-Mordserie konsequent ausspart."

Was hat das alles mit Schwäbisch Hall zu tun? Thumilan Selvakumaran, Redakteur des Haller Tagblatts, hat für das Buch einen Beitrag geschrieben. Darin zeigt er Verbindungen zwischen dem NSU und dem Ku-Klux-Klan in Schwäbisch Hall.

Was zunächst wie eine märchenhafte Geschichte beginnt - Rassisten mit Vorbildern aus den USA treffen sich in der beschaulichen Provinz - kann der Autor mit greifbaren Fakten belegen. Ein ehemaliges Klanmitglied gewährt Einblicke. Sogar eine Klan-Kutte samt Kapuze taucht auf. Selvakumaran beleuchtet die "Spätzle-Connection" der NSU. Er fragt: Gab es zumindest weiter Mittäter beim Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter am 25. April 2007 auf der Heilbronner Theresienwiese?

Denn weder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhard wurden am Tatort gesehen, dafür aber eine Reihe anderer Personen. Handelt es sich um Mitglieder der süddeutschen Kameraden des Terrortrios? Seltsam erscheint es den Autoren: Der zehnte Mord, der dem Trio angelastet wird, fällt aus dem Rahmen. Es kommt eine andere Tatwaffe zum Einsatz. Zum ersten Mal wird eine Deutsche ermordert.

Liegt das fehlende Puzzlestück zur Aufklärung des Falls in Schwäbich Hall? Thumilan Selvakumaran kann mehrere Linien vom NSU über den Haller Ku-Klux-Klan zu Polizisten aus dem Umfeld von Kiesewetter ziehen. Staatsbeamte trugen einst Klanmützen. Doch die Autoren müssen einräumen, dass Geheimdienste und Staatsanwaltschaft einen Informationsvorsprung haben: "Unsere Bestandsaufnahme kann nur eine vorrübergehende sein. Wir bleiben am Ball."

Info "Geheimsache NSU: Zehn Morde, von Aufklärung keine Spur" von Andreas Förster (Herausgeber), Verlag Kloepfer und Meyer, 22 Euro, im Shop des Haller Tagblatts und im Buchhandel erhältlich.

TOBIAS WÜRTH |

Quelle - Haller Tagblatt

Keine Kommentare: